Stablecoins: Das nächste grosse monetäre Experiment
Stablecoins: Das nächste grosse monetäre Experiment
Stablecoins gewinnen an Bedeutung – für grenzüberschreitende Zahlungen, das Liquiditätsmanagement von Unternehmen oder als Schutz vor Inflation. Doch ihr rasanter Aufstieg wirft drängende Fragen auf: Wie stabil sind sie? Welche Folgen haben sie für die Finanzarchitektur und die Zukunft des Geldes?
Man stelle sich vor: Ein Schweizer Konzern verschiebt Liquidität in Sekunden von den USA nach Europa, um Löhne zu zahlen, und legt überschüssige Mittel in Geldmarktfonds an. Eine ukrainische Familie erhält Schweizer Franken von einem Verwandten in Liechtenstein – binnen Sekunden und zu minimalen Gebühren. Solche Szenarien zeigen den Reiz von Stablecoins: digitale Token, die den Wert einer Fiat-Währung nachbilden und schnelle, kostengünstige, globale Zahlungen auf offener Infrastruktur ermöglichen.
Der Markt für Stablecoins umfasst derzeit rund 300 Milliarden US-Dollar. Experten erwarten ein Wachstum auf 1 bis 3 Billionen bis Ende des Jahrzehnts. Doch was sind Stablecoins genau? Im Kern sind es blockchain-basierte Tokens, die eine 1:1-Einlösung in eine Fiat-Währung – meist den US-Dollar – versprechen. Sie funktionieren auf globalen Netzwerken mit niedrigen Gebühren und ohne traditionelle Banken.
Ihr Potenzial ist enorm, die Risiken jedoch erheblich. Vier zentrale Probleme verlangen nach Lösungen:
1. Stabilität
Trotz ihres Namens ist Stabilität nicht garantiert. Emittenten sichern die Einlösbarkeit durch Assets oder Einlagen, streben aber zugleich höhere Renditen an, was riskantere Anlagen begünstigt. Einige Stablecoins sind bereits gescheitert oder haben zeitweise ihren 1:1-Peg verloren. Regulierungen wie der GENIUS Act in den USA und MiCA in der EU schreiben hochwertige, liquide Assets wie kurzfristige Staatsanleihen oder Zentralbankreserven vor, um Stabilität zu gewährleisten. Doch entscheidend bleibt die praktische Umsetzung und Überwachung.
2. Fragmentierung des Geldes
Im Gegensatz zu Bankeinlagen können Stablecoins von jedem regulierungskonformen Emittenten ausgegeben werden. Allein in der Schweiz gibt es über acht CHF-Stablecoin-Projekte. Mehrere Emittenten bergen das Risiko, dass Varianten derselben Währung zu unterschiedlichen Kursen gehandelt werden. Die Einheit des Geldes – ein Grundpfeiler moderner Währungssysteme – könnte nur durch zentralisierte Lösungen wie CBDCs oder preiskoordinierende Mechanismen auf der Blockchain gewahrt bleiben. Letztere würden jedoch Transaktionskosten erhöhen und einen zentralen Vorteil von Stablecoins schmälern.
3. Auswirkungen auf Kredit und Zinsen
Eine breite Nutzung könnte die Finanzintermediation grundlegend verändern. Käufe von Stablecoins gegen Fremdwährungen oder CHF-Assets würden die Schweizer Finanzmärkte mit Liquidität fluten, Zinsen senken und den Franken aufwerten. Erfolgt der Erwerb hingegen aus CHF-Bankeinlagen, schrumpfen Bankbilanzen. Das könnte die Kreditvergabe einschränken und den Zahlungsverkehr von Banken entkoppeln.
4. Effekte auf Vermögenspreise und Inflation
Entscheidend ist, welche Reserven Emittenten halten. Reine Zentralbankeinlagen machen sie zu „Vollgeldbanken“ mit begrenzten makroökonomischen Folgen. Halten sie jedoch Staatsanleihen, steigt die Nachfrage nach diesen Titeln, was deren Preise treibt. Zudem könnten Stablecoin-Emittenten neue Verbindlichkeiten schaffen, um Assets zu kaufen – eine Macht, die bisher Banken vorbehalten war. Ihre Regulierung stellt eine grundlegende ordnungspolitische Frage dar.
Stablecoins könnten ein zentraler Baustein des künftigen Geldsystems werden. Ihre Vorteile sind offensichtlich, doch die systemischen Folgen bleiben ungewiss. Bevor der Markt von Hunderten Milliarden auf Billionen wächst, braucht es intensive Forschung – nicht nur, um sie zu verstehen, sondern um ein Instrument zu gestalten, das das Finanzsystem stärkt statt destabilisiert.