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Über die Bedeutung, kein «Idiot» zu sein

Über die Bedeutung, kein «Idiot» zu sein

Erstveröffentlichung im Wirtschaftregional vom 2.4.2026
Blog_Denkraum_Idiot_Universitaet-Liechtenstein

Was heisst «Idiot»? 

Ich bin mir sicher, Sie alle haben diesbezüglich eine mindestens vage, aus dem Umgang mit anderen Menschen resultierende Vorstellung. Und nicht selten ergänzen Sie wohl diese Vorstellung mit dem Prädikat «komplett», sodass sich ein «kompletter Idiot» ergibt.

Die griechische Sprache verstand allerdings unter dem Wort «Idiot» ursprünglich etwas völlig anderes: Ιδιώτης (idiōtēs) bedeutet nämlich die «Privatperson». Etymologisch geht das Wort auf die griechische Polis und das goldene Zeitalter der antiken Demokratie zurück. So wurden in Athen des 5. Jahrhunderts vor Christus als «Idioten» jene Personen bezeichnet, die sich aus öffentlichen Angelegenheiten heraushielten und keine Ämter wahrnahmen. Für das Verständnis der griechischen Polis war somit die Nicht-Teilnahme am öffentlichen Leben Synonym für Faulheit und Gleichgültigkeit, galt als Etwas Schändliches und führte sogar zur Aberkennung der bürgerlichen Rechte. Mit anderen Worten: Idioten waren Personen, die entweder nicht urteilen konnten oder nicht urteilen wollten. 

Was lässt sich daraus für heute lernen?

Jeder, der ein Urteil trifft, soll genau wissen, worüber er urteilt. Urteilen setzt voraus, dass man sich mit den Sachen auskennt, mit denen man sich beim Urteilen auseinandersetzt. Urteilen setzt voraus, dass man Interesse an der Situation hat. Urteilen erfordert ein Verständnis der konkreten Situation und zugleich die Bereitschaft, sich aktiv zu beteiligen. Urteilen setzt wiederum voraus, dass man nah an den Dingen ist.

Gerade in unserer hochtechnisierten Welt, in der Informationen im Überfluss vorhanden sind, bleibt die Fähigkeit zum kritischen Denken von zentraler Bedeutung. Im übertragenen Sinn wäre ein «Idiot» heute jemand, der sich passiv treiben lässt, ohne sich für die Folgen des eigenen Handelns – oder Nicht-Handelns – zu interessieren. Demgegenüber steht die Idee eines aktiven Bürgers: jemand, der Verantwortung übernimmt, sich informiert, abwägt und sich – im Rahmen seiner Möglichkeiten – am gesellschaftlichen Leben beteiligt. Dazu gehört auch, ethische Überlegungen einzubeziehen und das Gemeinwohl sowie die langfristigen Folgen des eigenen Handelns im Sinne der Nachhaltigkeit im Blick zu behalten. 

Das Erbe der griechischen Polis erinnert uns daran, dass eine funktionierende Gesellschaft auf der Mitwirkung ihrer Mitglieder beruht. Auch wenn die heutigen politischen Systeme komplexer sind, bleibt die Grundidee aktuell: Eine lebendige Gemeinschaft lebt davon, dass Menschen sich einbringen, mitdenken und mitgestalten. 

In einem kleinen, direktdemokratisch geprägten Land wie Liechtenstein kommt der Beteiligung des Einzelnen eine besondere Bedeutung zu. Politische Mitwirkung ist hier nicht abstrakt, sondern konkret erfahrbar – sei es durch Abstimmungen, Diskussionen im öffentlichen Raum oder Engagement in Gemeinde und Gesellschaft. Diese Nähe ist eine Chance, aber auch eine Verantwortung. Nicht Perfektion ist gefragt, sondern Bereitschaft: zuzuhören, abzuwägen und sich eine eigene, begründete Meinung zu bilden.

In diesem Sinne könnte die zeitgemässe Bedeutung des altgriechischen Begriffs darin liegen: kein «Idiot» zu sein heisst, sich nicht gleichgültig zurückzuziehen, sondern aufmerksam und verantwortlich am gemeinsamen Leben teilzunehmen. 

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