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Zwischen Abriss und Aufbruch

Zwischen Abriss und Aufbruch

Ein weisser Lichtschalter an einer Altholzwand

Wir sprechen heute im Bauwesen ständig darüber, wie wir künftig bauen wollen. Oft geht es dabei darum, nachhaltig zu sein, einfach zu bauen und dabei leistbar zu bleiben. Wir reissen dann – mit dem nachhaltigen Vorsatz – ab und bauen neu und verwenden dabei Materialien wie Holz und Lehm. Aber ist das wirklich der Weisheit letzter Schluss?

Warum wir neu bauen

Neubau ist klar. Er ist planbar, kontrollierbar, sauber und ästhetisch. Die Materialien sind angenehm, duften nach etwas Neuem, sind einfach vorzufertigen und aufzurichten, und die Planungsprozesse sind chronologisch.

Dazu kommt etwas, das noch tiefer sitzt: Wir sind lange darauf trainiert worden, dass das Neue hochwertiger ist als das Vorhandene. Fortschritt und Weiterentwicklung bedeuten daher für uns oft Ersatz, nicht Bestand.

Aber genau hier liegt das Problem. Mit jedem Abriss verlieren wir nicht nur ein Gebäude und dessen Geschichte, wir verlieren Material, Energie und Ressourcen. Eine Ressource, die oft noch lange nicht am Ende ist, wird plötzlich als wertlos oder gar belastend behandelt.

Bei Bauweisen, die nicht auf Dauerhaftigkeit ausgelegt sind, kann es passieren, dass Gebäude nach einigen Jahrzehnten am Ende sind. Doch das ist hier, in unserer Region, im DACH-Raum, nicht der Fall. In Liechtenstein, im Westen Österreichs, der Schweiz und auch in Deutschland wird für die Ewigkeit gebaut. Es werden Materialien verwendet, die Jahrhunderte überdauern können – wenn wir damit umzugehen wissen. Daher sollten wir uns die Frage stellen:

Warum bauen wir nicht mit dem Bestand?

Der Bestand ist das Gegenteil des Neubaus. Er ist oft widersprüchlich, unvollständig, manchmal auch sperrig. Er benötigt viel Zeit im Kennenlernen und oft viel Geduld. Es fühlt sich oft so an, als ob man sich im Bestand zwischen Ablehnung und Potenzial bewegt, zwischen Widerstand und Möglichkeit.

Für viele junge Architekt:innen ist das aber der (Planungs-)Alltag geworden. Wir werden dazu gezwungen, genauer hinzusehen und Entscheidungen nicht aus Gewohnheit zu treffen, sondern aus dem Wissensdurst heraus, wie es anders gehen kann und mit der Erkenntnis, dass unser Bestand weitere Jahrhunderte überdauern kann.
 

Weiterbauen ist kein Kompromiss

Der Bestand ist keine Einschränkung, sondern unser Ausgangspunkt. Entwerfen im Bestand bedeutet nicht, weniger zu können. Es bedeutet, anders zu arbeiten. Nicht vom leeren Blatt aus, sondern im Dialog mit dem, was schon da ist.
Bestehende Strukturen geben etwas vor. Sie setzen Grenzen. Aber genau diese Grenzen sind produktiv. Sie zwingen uns, präziser zu werden. Aufmerksamer.
Man kann sich weniger hinter grossen Gesten verstecken und muss stattdessen genauer hinschauen. Wie ist etwas gebaut? Wann wurde etwas gebaut? Welches Wissen steckt darin? Was lässt sich daraus weiterdenken?
Die interessantesten Momente entstehen oft genau dort, wo Altes und Neues aufeinandertreffen. Nicht als glatter Übergang, sondern als Reibung.
 

Sehen lernen

In Projekten wie der Teilerneuerung eines alten Vorsässgebäudes im Bregenzerwald, der Sanierung eines Rheintalhauses oder auch der Adaptierung eines ensemblegeschützten Hauses in Bayern stellen wir uns im Büro genau diese Fragen und versuchen, darauf Antworten zu finden.

Wir beginnen nicht mit einer Idee, sondern mit etwas Vorhandenem. Am Anfang wirkt das oft wie eine Einschränkung. Relativ schnell kippt das. Plötzlich werden die Teile anders gelesen und als Qualität erkannt. Ein vorhandener Träger ist nicht mehr nur ein Träger, sondern eine räumliche Möglichkeit. Eine Verbindung ist nicht nur Technik, sondern ein Entwurfselement. Eine Stufe ist keine Barriere, sondern die Möglichkeit, Räumlichkeiten bewusst zu differenzieren.

Die Frage verschiebt sich. Es heisst nicht mehr zwangsläufig: Was wollen wir entwerfen? Sondern eher: Was ist schon da und was kann daraus werden?

 

Wenn sich der Entwurf verändert

Die Projekte, die daraus entstehen, sind selten glatt. Und genau das macht sie interessant und spannend. In einigen Projekten kann sehr direkt mit den vorhandenen Strukturen gearbeitet werden. In anderen wiederum werden diese bewusst aufgebrochen, kombiniert oder teilweise auch überlagert. Es gibt unzählige Möglichkeiten, damit umzugehen. Manche Elemente verlangen danach, dass die Herkunft des Materials sichtbar bleibt, andere werden so weit transformiert, dass nur noch Spuren bleiben.

Was sich durchzieht, ist eine andere Art zu entwerfen: weniger Setzung, mehr Auseinandersetzung.

Qualität entsteht hier nicht durch Perfektion, sondern durch Präzision im Umgang mit dem Vorgefundenen. Durch Entscheidungen, die nicht im luftleeren Raum getroffen werden, sondern in Beziehung zu etwas Bestehendem.

 

Eine Frage der Haltung

Am Ende ist das alles keine rein technische Frage. Natürlich gibt es Herausforderungen: Normen, Prozesse und auch die Kosten. Aber das eigentliche Thema liegt woanders. Wie schnell sind wir bereit, etwas als «nicht mehr brauchbar» abzuschreiben? Und wie ernst ist uns das Thema der Nachhaltigkeit wirklich? Wenn man Ressourcen, Energie und kulturellen Wert ernst nimmt, verschieben sich die Massstäbe. Dann wird Abriss plötzlich nicht mehr zur einfachen Lösung, sondern zur erklärungsbedürftigen Entscheidung.

 

Die Zukunft ist schon gebaut

Wir werden nicht aufhören, neu zu bauen. Aber der Fokus wird sich verschieben. Der Bestand wird nicht mehr Ausnahme sein, sondern Ausgangspunkt. Nicht Problem, sondern Potenzial.

Und vielleicht verändert sich damit auch unser Verständnis von Architektur. Weniger als das Schaffen von etwas völlig Neuem, sondern mehr als das Weiterdenken dessen, was bereits existiert.

Zusammengefasst kann also gesagt werden, dass die Zukunft direkt vor unseren Augen liegt. Wir müssen nur lernen, sie zu sehen.

 

Alumna Nina Beck ist selbstständige Architektin und Praxisdozentin an der Liechtenstein School of Architecture in der Fachgruppe Bauerbe und Upcycling. Ihr Fokus liegt auf nachhaltigem Bauen, vor allem im Holzbau, sowie auf der kreativen Umnutzung bestehender Strukturen. Mehr zu Nina Beck

Ein weisser Lichtschalter an einer Altholzwand
Ein grau/schwarz/weisses Veranstaltungsplakat

Am Mittwoch, 22. April 2026 findet um 17.30 Uhr ein öffentlicher Alumnivortrag von Nina Beck an der Universität Liechtenstein statt. 

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