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Freiheit beginnt mit Alternativen

Freiheit beginnt mit Alternativen

Erstveröffentlichung im Magazin "Humus" im Juni 2026
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Kurz nach acht Uhr morgens auf der Austrasse in Vaduz. Die Kolonne schiebt sich langsam in Richtung Schaan. Motorengeräusch, Bremslichter leuchten auf, lösen sich wieder, und die Autos rollen weiter.  Die meisten sitzen allein im Auto, sind aber Teil einer synchronisierten Bewegung. Jeder fährt individuell, aber gleichzeitig. Allein und doch im gleichen Takt.

Abgesehen vom Stau in den Stosszeiten sind die meisten Wege in Liechtenstein kurz. Zwei Drittel der in Liechtenstein wohnhaften Erwerbstätigen brauchen weniger als fünfzehn Minuten zur Arbeit. Das klingt nach Nähe, nach Überschaubarkeit, nach einem Alltag, der sich anders organisieren liesse. Trotzdem steigen rund 75 Prozent ins Auto.

Es ist die versprochene Freiheit auf vier Rädern: jederzeit losfahren, Umwege einlegen, spontan anhalten. Unabhängigkeit von Fahrplänen, von Anschlüssen, vom Takt. Vielleicht ist es Gewohnheit. Vielleicht Bequemlichkeit. Vielleicht schlicht Notwendigkeit. Vor allem aber ist es eine Folge der Siedlungs- und Verkehrsstrukturen, die über Jahrzehnte auf das Auto ausgerichtet wurden und andere Optionen weniger attraktiv machen.

Das Auto war im 20. Jahrhundert ein Versprechen. Es stand für Autonomie, für Aufbruch, für die Möglichkeit, Distanzen unabhängig von Fahrplänen und Topografie zu überwinden. In einem Land wie Liechtenstein bedeutete es mehr als nur Komfort. Es schuf Anschluss an Arbeitsmärkte, an Bildungsorte, an Nachbarregionen, ohne dass Wohnort und Lebensentwurf angepasst werden mussten. Räumliche Unterschiede zwischen den Gemeinden verloren an Bedeutung, Alltagsradien erweiterten sich. Das Auto war nicht nur Verkehrsmittel, sondern auch Symbol für gesellschaftliche Modernisierung. Die Autowerbung inszeniert dieses Versprechen bis heute: ein Fahrzeug in weiter Landschaft, keine anderen Verkehrsteilnehmer, keine Staus. Mobilität als individuelle Selbstbestimmung.

Gerade weil dieses Versprechen historisch so wirkmächtig war, fällt seine heutige Neubewertung umso schwerer. Die Rahmenbedingungen haben sich verändert: Verkehrsaufkommen, Flächenverbrauch und Klimaziele setzen neue Grenzen. Wer heute das Auto verteidigt, spricht deshalb seltener von Freiheit als von Abhängigkeit. „Viele sind darauf angewiesen“, heisst es. Aus einem Symbol der Autonomie ist für viele eine strukturelle Voraussetzung des Alltags geworden.

Liechtenstein ist ein besonders aufschlussreicher Ort, um diese Verschiebung zu beobachten. Mit rund 770 Personenwagen pro 1’000 Einwohnerinnen und Einwohner weist das Land einen der höchsten Motorisierungsgrade Europas auf. Täglich pendeln etwa 25'000 Menschen aus dem Ausland zur Arbeit ins Fürstentum. Gleichzeitig arbeiten viele Einheimische in anderen Gemeinden oder jenseits der Grenze. Das Strassennetz muss heute ein Vielfaches jener Mobilitätsbedürfnisse aufnehmen, für die es ursprünglich ausgelegt wurde.

Und dennoch: Die Distanzen sind klein. Von Balzers nach Ruggell sind es gerade einmal 22 Kilometer. Theoretisch liesse sich das Land in einer halben Stunde durchqueren. Praktisch ist es ein dicht verflochtener Pendelraum, in dem sich Verkehrsströme an wenigen neuralgischen Punkten bündeln. Die morgendliche Kolonne auf der Austrasse ist kein Ausreisser, sondern das Symptom einer Struktur.

Mobilität ist keine rein individuelle Entscheidung. Sie entsteht aus räumlichen Mustern. Der italienische Physiker Cesare Marchetti zeigte bereits in den 1990er-Jahren, dass Menschen im Durchschnitt seit Jahrhunderten ähnlich viel Zeit pro Tag für Wege aufwenden: etwa 90 Minuten. Mit dem Auto vergrössert sich nicht die Zeit, sondern der Radius. Die erreichbare Fläche wächst quadratisch mit der Distanz. Was früher das Nachbardorf war, ist heute die Nachbarregion.

Empirische Untersuchungen zeigen zudem einen klaren Zusammenhang zwischen Siedlungsdichte und Verkehrsmittelwahl: Mit zunehmender Dichte sinkt der Anteil des motorisierten Individualverkehrs, während Fuss- und öffentlicher Verkehr an Bedeutung gewinnen. Verkehr ist damit weniger eine Frage der Moral als der Struktur. Räume produzieren Mobilität.

Im Rheintal lässt sich diese Logik deutlich ablesen. Einfamilienhausquartiere, Gewerbezonen, verstreute Arbeitsorte. Wer drei Kilometer vom nächsten leistungsfähigen ÖV-Knoten entfernt wohnt, wird kaum zu Fuss gehen. Wer flexibel zwischen Gemeinden pendelt, verlässt sich auf das eigene Fahrzeug. Das Auto ist hier nicht bloss Verkehrsmittel, sondern Bindeglied einer dezentral organisierten Landschaft.

Planer sprechen in diesem Zusammenhang von „Zwangsverkehr“: Wege, die nicht aus freier Entscheidung entstehen, sondern aus der funktionalen Trennung von Wohnen, Arbeiten und Versorgen. Wer wohnen und arbeiten räumlich voneinander entkoppelt, produziert Verkehr – unabhängig davon, welches Verkehrsmittel genutzt wird.

Diese Abhängigkeit ist sozial nicht neutral. Jugendliche ohne Führerschein, ältere Menschen, Haushalte mit geringem Einkommen oder Familien, die sich ein zweites Auto kaum leisten können, sind stärker eingeschränkt. In vielen Einfamilienhausquartieren wird das zweite Fahrzeug zur Voraussetzung für den Alltag. Freiheit wird damit an Besitz gekoppelt. Wer kein Auto hat, verfügt oft über deutlich weniger Optionen.

Seit einigen Jahren erlebt die Idee der „Stadt der kurzen Wege“ international Aufwind. Die 15-Minuten-Stadt verspricht, zentrale Funktionen des Alltags – Arbeit, Bildung, Versorgung, Freizeit – in fussläufiger Distanz zu bündeln. Paris, Barcelona oder Amsterdam experimentieren mit Superblocks, Tempo-30-Zonen und der strategischen Anordnung von Nutzungen. Mobilität wird dort als Frage der Raumorganisation verstanden.

Doch Liechtenstein ist nicht Paris. Die Siedlungsstruktur ist kleinteilig, die Dichte moderat, die Arbeitsplätze konzentrieren sich in bestimmten Gemeinden. Eine einfache Übertragung urbaner Modelle greift zu kurz. Gerade deshalb stellt sich hier die entscheidende Frage: Wie könnten Prinzipien kurzer Wege in einer Region funktionieren, die weder Stadt noch klassischer ländlicher Raum ist?

Eine mögliche Antwort liegt weniger in der Fläche als in der Konzentration. Wenn zentrale Orte wie der Bahnhof, zentrale Busknoten oder gewachsene Ortskerne gestärkt und dichter entwickelt würden, könnten sich neue Alltagsradien ausbilden. Nicht überall alles, sondern an ausgewählten Knoten mehr. Eine Art 30-Minuten-Region, in der öffentliche Verkehrsmittel, Fuss- und Velowege das Rückgrat bilden. Wahlfreiheit entstünde nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch Alternativen.

Die Frage ist nicht nur planerisch, sondern auch klimapolitisch relevant. Liechtenstein hat sich das Ziel gesetzt, bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Der Verkehr verursacht rund einen Drittel der inländischen Treibhausgasemissionen. Die Elektrifizierung der Fahrzeugflotte ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung, doch sie löst nicht alle Probleme. Herstellung, Ressourcenverbrauch und vor allem der immense Flächenbedarf bleiben bestehen: Strassen, Abbiegespuren, Parkplätze vor Supermärkten, Parkgaragen in Ortszentren. Flächen, die versiegelt sind und dem Aufenthalt, der Begrünung oder anderen Nutzungen nicht zur Verfügung stehen. Auch ein elektrisch betriebener Stau ist ein Stau – und beansprucht denselben Raum.

Wie könnte es anders aussehen? Ein Morgen im Jahr 2050: dichter bebaute Ortskerne, in denen Wohnen, Arbeiten und Einkaufen näher beieinander liegen. Busse im verlässlichen Takt, sichere Velowege zwischen Gemeinden, mehr Menschen, die ihren Alltag ohne eigenes Fahrzeug organisieren können – nicht weil sie müssen, sondern weil sie können. Das Auto verschwindet nicht. Aber es wird zur Option, und ist nicht mehr Notwendigkeit.

Wenn Freiheit bedeutet, zwischen mehreren realistischen Optionen wählen zu können, dann ist sie im heutigen Mobilitätssystem ungleich verteilt. Wer zentral wohnt, nahe am Arbeitsplatz oder an einer guten ÖV-Verbindung, hat Alternativen. Wer in einem peripheren Quartier lebt, hat kaum eine Wahl. Die Entscheidung für das Auto ist dort weniger Ausdruck individueller Präferenz, sondern eher eine Folge der räumlichen Vorprägung.

Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung nicht darin, das Auto zu verteufeln oder abzuschaffen, sondern darin, die strukturelle Abhängigkeit zu verringern. Eine Region, in der gesellschaftliche Teilhabe nicht vom Besitz eines Fahrzeugs abhängt, wäre nicht weniger frei – sondern gerechter und resilienter.

Am Morgen auf der Austrasse wirkt Mobilität selten wie Selbstbestimmung. Sie erscheint eher als eingespielte Routine, entstanden aus jahrzehntelangen Raumentscheidungen. Die Frage ist nicht, ob wir mobil sein wollen, sondern welche Mobilität unsere Siedlungsstrukturen hervorbringen.

Freiheit auf vier Rädern? Vielleicht. Doch wirkliche Freiheit beginnt dort, wo Alternativen real sind und nicht nur theoretisch möglich.

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