Zum Hauptinhalt wechseln

Demokratie im Wandel

Demokratie im Wandel

Erstveröffentlichung "Denkraum"-Zeitung am 11.9.2026
Illustration Titelseite Zeitung Denkraum von Adam Vogt

Im Frühling 1924 kommt ein junger Mann mit seinem ganzen Vermögen von 500 Franken nach Liechtenstein. Die Rede ist von Ernst Sommerlad, der erste ausgebildete Architekt Liechtensteins. Mit einem Zeitungsartikel wirbt er für seine Überzeugung: «Gute und schöne Wohnungen erziehen zur Ordnungsliebe, Sparsamkeit, Familiensinn und häuslicher Zufriedenheit.» Die Botschaft zeigt Wirkung. In 50 Jahren realisiert Sommerlad über 230 Bauten in Liechtenstein. Dabei wird er zum Motor und Nutzniesser des liechtensteinischen Systems der Finanzeinbürgerungen, indem er für seine Kunden moderne Landhäuser und Villen baut. 

Historische Innovationen 

Hinter der Erfolgsgeschichte Liechtensteins der letzten 100 Jahren stehen mutige Menschen mit Innovationsgeist und einer bemerkenswerten Schaffenskraft. Dazu zählen insbesondere die beiden Juristen Wilhelm und Emil Beck. Mit der Landesverfassung (1921), dem Volksrechtegesetz (1922), dem Zollanschlussvertrag (1923), dem Staatsgerichtshofgesetz (1925) und dem Personen- und Gesellschaftsrecht (PGR) (1926) prägten sie gleich mehrere für die damalige Zeit äusserst innovative Gesetze und Abkommen.  

Doch selbst die besten Gesetze bleiben wirkungslos, wenn politische Akteure nicht konstruktiv zusammenarbeiten oder Bürger:innen sich nicht ausreichend vertreten fühlen. In den 1930er-Jahren scheiterten mehrere Volksinitiativen zur Einführung des Proporzwahlrechts. Erst 1939 vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Bedrohung und im Interesse des gesellschaftlichen Zusammenhalts wurde das Proporzwahlrecht eingeführt. Es schuf eine gerechtere Vertretung der Parteien im Landtag und legte so den Grundstein für die bis heute prägende Zusammenarbeit von VU und FBP.  

Liechtenstein ist eine Konsensdemokratie, im Gegensatz zu Mehrheitsdemokratien wie z. B. dem Vereinigten Königreich. In Konsensdemokratien erfolgen Veränderungen weniger radikal, politische Innovationen entstehen schrittweise. Dank seiner Kleinheit und der wenig polarisierten Parteienlandschaft bleibt Liechtenstein aber trotz Konsensorientierung fähig, rasch Entscheidungen zu treffen. Bestes Beispiel ist die Liechtenstein-Erklärung von 2009, welche die Weissgeld-Strategie einleitete. Liechtenstein vereint so theoretisch Konsens und Effizienz. 

Demokratien (in der Krise)  

Internationale Demokratieindizes zeigen: Autoritäre Werte und Einstellungen gewinnen weltweit an Einfluss, während liberale Demokratien unter Druck stehen. Ende 2025 wurden mehr Länder autokratisch regiert als demokratisch. Wörtlich meint Demokratie «Herrschaft des Volkes». Politische Macht legitimiert sich nicht aufgrund von Gottesgnadentum, technokratischer Expertise oder einer Avantgarde, sondern allein durch die Zustimmung der Bürger:innen. Drei historische Entwicklungspfade führten dabei zur modernen Demokratie: Volkssouveränität, Rechtsstaat und Pluralismus. Eine liberale Demokratie vereint alle drei Elemente.  

Der Politikphilosoph Francis Cheneval definiert Demokratie sinngemäss als beteiligungszentriertes Entscheidungsverfahren, bei dem sich alle signifikant an Beratung und Entscheidung beteiligen können. Dies macht Partizipation und Deliberation zu zentralen Elementen demokratischer Innovation.  

In Liechtenstein ist die Partizipation dank der direkten Demokratie gut ausgebaut. Dass die direkte Demokratie in den Rechtsstaat eingebettet ist und deshalb Initiativen mit der Verfassung und internationalem Recht kompatibel sein müssen, stärkt die demokratische Qualität weiter. Auch das Wahlrecht ist partizipativ: Wähler:innen können individuell die besten Personen auswählen, statt starren Listen zu folgen. 

Deliberation meint den sachlichen und konsensorientierten Austausch von Argumenten. Sie ist in Liechtenstein wenig erforscht. Die akteursgetriebene Kommunikation durch politische Parteien sowie Politiker:innen in Form von Medienbeiträgen hat in den letzten Jahren aber stark zugenommen hat. Im Zentrum stehen dabei weniger der argumentative Austausch als die Selbstprofilierung und das Mobilisieren für die eigenen Anliegen. Eine löbliche Ausnahme hiervon bilden parteiübergreifende Talkrunden. Unter dem Motto «Politik zwischen Landtag und Alltag» zeichnet sich z. B. der Podcast «Landtalk» durch eine hohe Authentizität aus und fügt sich so in die Tradition der liechtensteinischen Konsenskultur ein.  

Performanz politischer Systeme 

Angesichts globaler Krisen wächst der Eindruck, dass Demokratien Schwierigkeiten haben, komplexe Probleme schnell und effektiv zu lösen. Um Performanz – also die Leistungsfähigkeit – eines politischen Systems zu untersuchen, unterscheiden Lars Lott und Aurel Croissant in der Zeitschrift «Aus Politik und Zeitgeschichte» drei Ebenen: 

  1. Performanz ist die Fähigkeit politischer Systeme, Entscheidungen hervorzubringen und umzusetzen (Output). Im Mittelpunkt stehen Handlungsfähigkeit, Entscheidungs- und Umsetzungsgeschwindigkeit sowie die Fähigkeit, politische Programme durchzusetzen. 
  2. Performanz bezieht sich auf die gesellschaftlichen Ergebnisse politischen Handelns (Outcomes). Hierzu zählen etwa wirtschaftliches Wachstum, soziale Sicherheit, Gesundheit oder Umweltqualität. 
  3. Performanz meint die Qualität staatlichen Handelns. Im Zentrum stehen Kriterien wie administrative Professionalität, Unparteilichkeit, Korruptionskontrolle oder Rechtsstaatlichkeit. 

Demokratien zeigen gemäss Lott und Croissant robustere und langfristig stabilere Leistungen als Autokratien. Allerdings gibt es gerade bei Autokratien eine grosse Streuung – sprich Länder mit hoher und solche mit tiefer Performanz. Autokratien haben etwa bei Infrastrukturprojekten kurzfristige Vorteile, weil sie weniger Rücksicht auf lokale Widerstände nehmen müssen. Doch Zentralisierung, geringe gesellschaftliche Beteiligung und mangelnde Rechenschaftspflicht führen in Autokratien langfristig oft zu ineffizienter Ressourcenverteilung und Machtmissbrauch.  

Die Erwartungen an die Politik werden in Demokratien immer höher. Der Soziologe Steffen Mau spricht von einer «Einforderungsdemokratie». Politik wird demnach zunehmend als Lieferservice betrachtet. In einer komplexen Welt wird das «Liefern», jedoch immer schwieriger. Es ist deshalb wichtig, dass Bürger:innen in Demokratien ihre Freiheit eigenverantwortlich nutzen und an politischen Prozessen aktiv mitwirken, um sich langfristig mit der Regierungsform Demokratie zu identifizieren.  

Auch in Liechtensteinwächst die Anspruchshaltung. Im internationalen Vergleich überzeugt Liechtenstein durch eine hohe Entscheidungseffizienz, hohe Wirtschaftskraft und Lebensqualität sowie gute Governance. In Politikfeldern wie z. B. Verkehr, Raumplanung oder Gesundheit lässt sich jedoch eine wachsende Diskrepanz zwischen Output in Form zahlreicher politischer Strategien und Konzepte sowie Outcomes in Form konkreter Verbesserungen für die Bürger:innen feststellen. In Bereichen wie der Sicherheit vertraut Liechtenstein ferner stark auf die internationale Problemlösungskompetenz, ohne ausreichend zu reflektieren, welche eigenen Beitrag es leisten könnte.  

Neue politische Innovationen  

77 Prozent der Stimmberechtigten Liechtensteins sind gemäss dem LIE-Barometer 2026 mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden. Das ist im internationalen Vergleich ein hoher Wert. Dennoch lohnt es sich auch in Liechtenstein über politische Innovationen nachzudenken. Die Universität könnte hierzu folgende Beiträge leisten:  

Kommunikationsraum Liechtenstein: Die mediale Öffentlichkeit verändert sich stark – sowohl in Liechtenstein als auch international. Ein von der Universität Liechtenstein geplantes Kompetenzzentrum soll künftig die komplette Berichterstattung aller Medien in Liechtenstein erfassen und hinsichtlich verschiedener Dimensionen journalistischer Qualität analysieren. Ziel des Kompetenzzentrums ist es, auf der Basis empirischer Daten die kritische Nutzung von Medien und deren Weiterentwicklung zu fördern und so einen Beitrag zur Deliberation zu leisten.  

Schaffen von Diskussionsräume: Im Zusammenhang mit demokratischen Innovationen spielen dialogorientierte Verfahren wie Bürgerräte eine grosse Rolle. Klassische Bürgerräte würden in Liechtenstein aufgrund der bereits hohen Partizipation und der knappen Ressourcen wenig Mehrwert bringen. Der persönliche Austausch ist für viele aber die wichtigste Informationsquelle bei Abstimmungen. Entsprechend braucht es Räume, in denen Leute mit unterschiedlichen Ansichten zusammenkommen. Mit einem geplanten Lehmbau möchte die Universität genau einen solchen Diskussionsraum schaffen. Dieser soll unter anderem zur Vertiefung im Nachgang zu Veranstaltungen wie den Campus-Gesprächen oder im Zuge der Vorstellung neuer Studien sowie als Ausstellungsraum genutzt werden. Die Kleinheit Liechtensteins macht es möglich, dass solche Diskussionsräume noch physisch und nicht nur digital wirken können. Deliberation lebt dabei auch davon, inwieweit es gelingt, Informationen in Sinnzusammenhänge zu setzen und damit eine Orientierungshilfe in der komplexen Welt zu ermöglichen.  

Langfristige Umfrageplanung: Umfragen sind ein wichtiges Informations- und Evaluationsinstrument für die Politik. Um die Performanz der Politik unabhängig der aktuellen politischen Präferenzen zu messen, sollten Umfragen jedoch einer langfristigen Planung folgen. In Liechtenstein könnten jährlich zwei bis drei Umfragen durchgeführt werden. Um Veränderungen im Meinungsbild zu erkennen, werden gewisse Themen in regelmässigen Abständen abgefragt. Die Umfragen sind international vergleichbar, müssen aber nicht im Rahmen einer internationalen Erhebung erfolgen, da diese oft wenig Spielraum lassen und so die Besonderheiten Liechtensteins nicht genügend adressieren. Für eine solche langfristige Planung erfolgten bereits verschiedene Vorstösse, eine wirkliche Strategie liegt aber noch nicht vor.  

Neue Formen der Outcome Messung: Indikatoren wie Wirtschaftswachstum oder Arbeitslosenzahlen können den Ausgang von Wahlen immer schlechter hervorsagen. Das hat einerseits damit zu tun, dass Populisten oft auf eine rückwärtsgewandte Verklärung setzen, um so den Blick auf die Gegenwart zu verzerren. Andererseits ist es ein reales Problem, dass Indikatoren oft nur einen aggregierten Zustand wiedergeben. Anders ausgedrückt: Die Politik kann sich nicht darauf ausruhen, wenn es zwei Dritteln der Bevölkerung gut geht, sondern muss ich dafür interessieren, warum es einem Drittel nicht gut geht. Auch hier kann die Wissenschaft durch gezielte Analysen einen wichtigen Beitrag leisten.  

Demokratien basieren auf freien Wahlen, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und politischen Freiheitsrechten. Die perfekte Demokratie gibt es nicht. Innovationen, die Partizipation, Deliberation und Einflussnahme fördern, bleiben essenziell. Liechtenstein bietet dafür gute Voraussetzungen – rechtlich, materiell und kulturell. Eine zwingende Voraussetzung dafür ist jedoch, dass man dem Volk demokratische Prozesse und Debatten auch zutraut.  

Zur PDF-Version der "Denkraum"-Zeitung
Illustration Titelseite Zeitung Denkraum von Adam Vogt