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Deutschland - Frankfurt

Deutschland - Frankfurt

Ali Yaghoubi

Eine neue Seite von sich selbst entdecken

Bild Frankfurt

Zu Beginn meines Aufenthalts in Frankfurt war ich ein Beobachter. Eine Sache fiel mir ziemlich schnell auf: Wie viele Menschen in ihrem Alltag körperlich aktiv zu sein schienen. Ich sah Menschen, die durch die Strassen joggten, mit dem Fahrrad durch die Stadt fuhren oder in Parks trainierten. Was mich überraschte, war, wie selbstverständlich all das wirkte. Es beschränkte sich nicht auf eine bestimmte Altersgruppe oder einen bestimmten Menschentyp. Vielmehr schien Bewegung einfach zum Alltag zu gehören.

Anfangs war das für mich ungewohnt. Ich wusste schon immer, dass Bewegung gesund ist und dass Menschen joggen oder Fahrrad fahren, aber ich hatte es noch nie als einen so sichtbaren und selbstverständlichen Teil meiner Umgebung erlebt. In Frankfurt begegnete ich diesem Verhalten ständig, ohne aktiv danach zu suchen. Auf dem Weg zur Universität sah ich Menschen joggen, während ich in der Stadt unterwegs war, fielen mir Velofahrende auf, und in den Parks sah ich Menschen trainieren. Irgendwann merkte ich, dass ich all das nicht bewusst wahrgenommen hatte. Etwas, das mir zunächst ungewöhnlich erschienen war, gehörte plötzlich ganz selbstverständlich zu meiner Umgebung.

Das Interessante war, was danach geschah: Ich begann selbst zu joggen.

Ich kann nicht sagen, dass ich mich bewusst dazu entschied, mich an die deutsche Kultur anzupassen. Niemand ermutigte mich zum Joggen, und ich fing auch nicht damit an, weil ich dachte: «Das machen die Menschen in Deutschland, also sollte ich es auch tun.» Vielmehr führte die wiederholte Begegnung mit dieser Aktivität dazu, dass mir die Idee des Joggens zugänglicher erschien. Wenn ich andere Menschen dabei beobachtete, wirkte es weniger wie eine besondere Aktivität und mehr wie etwas, für das sich ganz normale Menschen einfach entscheiden konnten.

Schliesslich zog ich meine Laufschuhe an und legte los. Am Anfang hatte ich keine besonders ehrgeizigen Ziele. Ich wollte mich einfach nach und nach verbessern und herausfinden, wozu ich fähig war. Ich begann damit, zwei Kilometer ohne Unterbrechung zu laufen, und versuchte seither, mich bei jedem Lauf ein wenig zu verbessern und die Distanz zu steigern. Für jemanden, der sich zuvor nie als Läufer gesehen hatte, fühlte sich das wie ein bedeutender Erfolg an.

Rückblickend finde ich diese Erfahrung interessant, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich tatsächlich eine deutsche kulturelle Gewohnheit «übernommen» oder einfach etwas über mich selbst entdeckt habe. Vielleicht ist beides gleichzeitig geschehen. Meine Umgebung brachte mich mit einem Verhalten in Kontakt, das ich zuvor nicht als Teil meines eigenen Lebensstils betrachtet hatte, und durch die wiederholte Begegnung bekam ich die Möglichkeit, es auszuprobieren. Letztendlich war ich es aber selbst, der sich entschied, die Laufschuhe anzuziehen und loszulaufen.

Diese Erfahrung hat meine Sicht auf interkulturelles Lernen verändert. Vor meinem Austausch hätte ich mir vielleicht vorgestellt, dass interkulturelles Lernen durch Gespräche, das Kennenlernen von Traditionen oder den bewussten Vergleich verschiedener Kulturen stattfindet. Meine Erfahrung mit dem Joggen zeigte mir eine andere Seite davon. Manchmal geschieht kulturelles Lernen viel unauffälliger. Man lebt in einer anderen Umgebung, beobachtet, was die Menschen um einen herum tun, und allmählich verändert sich das eigene Verständnis davon, was «normal» ist.

Auch meine Selbstwahrnehmung hat sich dadurch verändert. Früher dachte ich, ich müsse mich mit etwas identifizieren können, bevor ich es ausprobiere. In diesem Fall sah ich mich nicht als Läufer, bevor ich mit dem Joggen anfing. Erst durch das Ausprobieren wurde ich dazu. Das hängt mit einer umfassenderen Erkenntnis zusammen, die ich aus meiner Zeit im Ausland mitgenommen habe: Ich muss nicht immer im Voraus wissen, ob etwas «zu mir passt». Manchmal kann ich es einfach ausprobieren und es herausfinden.

In diesem Sinne wurde das Unbekannte nicht einfach nur vertraut. Es wurde zu einem Teil von mir.

Was als Beobachtung anderer Menschen begann, führte schliesslich zu einer Veränderung meines eigenen Verhaltens. Ich kam nach Frankfurt und betrachtete eine andere Umgebung, die ich zu verstehen versuchte. Mit der Zeit fühlte ich mich immer wohler dabei, selbst daran teilzunehmen, anstatt nur Beobachter zu sein.

Vielleicht ist das einer der wertvollsten Aspekte eines Auslandsstudiums und des interkulturellen Lernens: Wir lernen nicht nur, wie andere Menschen leben. Manchmal eröffnet uns der Kontakt mit einer anderen Lebensweise die Möglichkeit, ganz neue Seiten an uns selbst zu entdecken.

Bild Frankfurt